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Montag, 4. Februar 2013

Einführung (Die andere Stimme), Carol Gilligan



Carol Gilligan, Die andere Stimme: Lebenskonflikte und Moral der Frau, Einführung (S.9-12)

Gilligan schreibt Die andere Stimme aus ihrem wachsenden Bewusstsein über die Probleme bei der Interpretation weiblicher Entwicklung. Diese Probleme stehen ihrer Ansicht nach in Verbindung mit dem wiederholten Ausschluss der Frauen aus den entscheidenden, der Theoriebildung dienenden Untersuchungen der psychologischen Forschung. 

Die Diskrepanz zwischen der weiblichen Entwicklung und den in der psychologischen Literatur beschriebenen Entwicklungsschritten wurde bisher als Entwicklungsproblem der Frauen interpretiert, Gilligan verortet den Mangel jedoch in der Theoriebildung.

Laut Gilligan ist die andere Stimme nicht an ein Geschlecht gebunden, die Zuschreibung zu den Frauen sei ein rein empirischer Sachverhalt. Den Rahmen ihrer Arbeit steckt Gilligan klar ab, so möchte sie keine Thesen über den Ursprung der von ihr beschriebenen Unterschiede aufstellen oder über deren historische/soziale Verteilung Aussagen machen. Dennoch sagt sie anschließend aus, dass diese Unterschiede offensichtlich in einem sozialen Kontext entstehen, in dem sozialer Status, Macht und biologische Gegebenheiten eine Rolle spielen.

Sie bedient sich dreier Studien, um ihre Theorie zu untermauen:

1) Studentenuntersuchung
Identität und moralische Entwicklung werden untersucht, nach den Erfahrungen moralischer Konfliktsituationen und dem Treffen von Lebensentscheidungen gefragt wird. 25 StudentInnen aus einem Kurs über moralische und politische Entscheidungsfindung werden im vierten Studienjahr und fünf Jahre nach dem Studienabschluss befragt.

2) Abtreibungsuntersuchung
Untersuchung der Beziehung zwischen persönlicher Erfahrung, moralischem Denken und der Rolle des Konfliktes in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. 29 Frauen werden zu einem Zeitpunkt interviewt, an dem sie sich mit dem Gedanken einer Abtreibung tragen, sowie ein Jahr später. Sie unterscheidet ihren Forschungsansatz von vorangegangenen Studien zur moralischen Entwicklung (bspw. Kohlberg & Piaget), da sie fragt, wie Menschen moralische Probleme definieren und welche Erfahrungen sie als moralische Konflikte erleben, anstatt sich auf Problemlösung von vorgelegten Konflikten zu konzentrieren.

3) Rechte-und-Verantwortunguntersuchung
144 Männer und Frauen der Altersstufen 6-9, 11, 15, 19, 22, 25-27, 35, 45 und 60 Jahre, die im Hinblick auf Alter/Intelligenz/Schulbildung/Beruf/soziale Schichtzugehörigkeit vergleichbar sind, geben Auskunft über ihr Selbstkonzept, Erlebnisse moralischer Konfliktsituationen und Urteile über hypothetische moralische Dilemmas. 

Es ist ihr erklärtes Ziel, "ein klareres Bild vom Entwicklungsprozess der weiblichen Persönlichkeit zu liefern", damit die "Integrität und Gültigkeit" des weiblichen Denkens sichtbar und die These der weiblichen Minderwertigkeit widerlegt werde. Dies will sie erreichen, indem sie die Frauen in die Theoriebildung einbezieht, aus der sie vormals ausgeklammert waren.

Samstag, 26. Januar 2013

Moralische Orientierung und Entwicklung, Carol Gilligan

Moralische Orientierung und moralische Entwicklung
Carol Gilligan

Hier kann man eine junge und eine alte Frau sehen,
jedoch selten beide zugleich
Am Beispiel einer mehrdeutigen Figur erklärt Gilligan, dass man die Realität zwar gern als unzweideutig wahrnimmt, es aber nicht unbedingt immer eine richtigere oder bessere Sichtweise gibt. Außerdem hebt sie hervor, dass zum Kontext, der die Entscheidung zwischen zwei möglichen Deutungen beeinflusst, nicht nur die Merkmale der Anordnung, sondern auch die vorangegangenen Erfahrungen und die Erwartungen des Wahrnehmenden gehören.


Auf moralische Urteile übertragen bedeutet dies, dass eindeutig erscheinende Lösungsansätze nicht immer die einzig richtigen sein müssen und dass das Bedürfnis nach Geschlossenheit möglicherweise den Weg zu einer anderen Perspektive versperrt.
Gilligan sieht diese Problematik bei der Untersuchung der moralischen Entwicklung gegeben, da die Gerechtigkeitsperspektive die Fürsorgeperspektive als alternativen Bezugsrahmen in der Forschung Piagets und Kohlbergs verstellt. Deshalb sei es wichtig festzuhalten, dass sowohl private als auch öffentliche Beziehungen zwischen Menschen mit Rekurs auf ihre Gleichheit wie auf ihre Bindung charakterisiert werden können und dass sowohl Ungleichheit als auch Trennung moralische Probleme aufwerfen können.
Um auf diesen Umstand besser eingehen zu können, möchte Gilligan zwischen dem moralischen Entwicklungsniveau (Grad der Adäquatheit der Position innerhalb einer Orientierung) und der moralischen Orientierung andererseits unterscheiden.

Besonders Frauen neigen laut Gilligan dazu, moralische Probleme - besonders dann, wenn sie über ihre eigene Erfahrung sprechen - auf eine Art zu definieren, die die Moraltheorie außer Acht lässt.
Die Entdeckung, dass häufig eine andere Stimme als die Gerechtigkeitsperspektive das moralische Urteil von Frauen leitet, lenkte Gilligans Aufmerksamkeit darauf, dass Kohlberg als empirische Basis für seine Theoriekonstruktion eine geschlechtshomogene, männliche Probandengruppe nutzte - dies sei als Basis für eine Generalisierung die beide Geschlechter betreffe logisch inkonsistent.
Auch Piaget definierte seine entwicklungspsychologischen Erkenntnisse auf Grundlage seiner Untersuchungen zum Murmelspiel von Jungen definierte. Gilligan stellt fest, dass Mädchen hier lediglich als Kontrollgruppe von Interesse waren.

Gilligan will im Folgenden die Gerechtigkeitsperspektive und die Fürsorgeperspektive unterscheiden und nimmt aufgrund des empirischen Zusammenhanges von Fürsorgeperspektive und weiblicher Geschlechtszugehörigkeit an, dass Frauen eine anders geartete Perspektivenpräferenz haben.

Beide Perspektiven bezeichnen laut Gilligan verschiedene Möglichkeiten, die Grundelemente moralischen Urteilens zu organisieren: das Selbst, die Anderen und die Beziehungen zwischen ihnen. Es verändere sich mit dem Perspektivenwechsel die Dimension, in der Beziehungen organisiert werden. Innerhalb einer Gerechtigkeitsperspektive sei Unparteilichkeit das Kennzeichen reifen moralischen Denkens, da sie leidenschaftslose Urteile und Objektivität befördere. Aus einer Fürsorgeperspektive sei Unparteilichkeit im Sinne fehlender Empathie aber gerade eines der zentralen Probleme. Gilligan führt im Folgenden weitere Eigenschaften der Perspektiven an:


Fürsorgeperspektive
Gerechtigkeitsperspektive
setzt eine Verbindung und die Möglichkeit des Verstehens voraus setzt Getrenntsein voraus und entsprechend das Bedürfnis nach einer äußeren verbindenden Struktur
das Fehlerrisiko besteht im Vergessen der eigenen Kriterien; man kann sich soweit auf die Perspektive des Anderen einlassen, dass man sich nach den Kriterien anderer definiert und sich als "selbstlos" begreift
das Fehlerrisiko besteht im latenten Egozentrismus, die eigene Perspektive kann leicht mit einem objektiven Standpunkt verwechselt werden


Die Beziehung definiert das Selbst und die Anderen das Selbst als moralische Instanz hebt sich vom Hintergrund sozialer Beziehungen ab

Die beiden Perspektiven, die sie nicht als komplett gegensätzlich, sondern als komplementär verstanden wissen will, verdeutlicht sie am Beispiel zweier Medizinstudenten, deren Tutor in ihrer Ausbildungsinstitution Alkohol konsumiert hatte, den sie jedoch nicht anzeigten.
Student 1 begründete seine Entscheidung dadurch, dass der Tutor ein "angemessenes Ausmaß an Reue" gezeigt habe. Zusätzlich stellt der Student in Frage, ob das Alkoholverbot seitens der Ausbildungsinstitution rechtens sei.
Student 2 rechtfertigt seine Entscheidung mit der Überlegung, dass eine Anzeige das Problem des Tutors nicht lösen würde, da die Bindung zwischen ihm und dem Studenten zerstört würde und somit eine Hilfsperspektive versperrt sei. Weiterhin fragt sich der Student, ob der Tutor selbst sein Alkoholproblem erkennt.

Gilligan verdeutlicht hieran den Unterschied zwischen Fürsorge im Rahmen der Gerechtigkeitsperspektive und der Fürsorgeperspektive selbst. Student 1 mildert durch Gnade das Recht ab; Fürsorge wird zu einem Akt der Gnade. Auch sind im Rahmen der Gerechtigkeitsperspektive supererogatorische Pflichten, die aus persönlichen Beziehungen erwachsen möglich, ebenso frei gewählte Altruismus. All dies tastet die Grundannahme der Gerechtigkeitsperspektive nicht an: Die Distinktsetzung von Selbst und Anderen sowie die Logik der Reziprozität und gleicher Achtung.
Dem gegenüber ist die Fürsorge als Moraltheorie weniger gut ausgearbeitet und verfügt nicht über ein geeignetes Vokabular, um sie zu beschreiben. Es geht bei der Fürsorgeperspektive um die Interdependenz von Ego und Alter, um die Auffassung von Handlung als einfühlsamer Reaktion, die in einer Beziehung steht. Hier wird die die Distinktsetzung von Selbst und Anderen problematisch, da sie zu Gleichgültigkeit führt. Gilligan hebt darauf ab, dass jeder der Studenten mit seiner Rechtfertigung Problemaspekte erörtert, die der andere nicht erwähnt. Sie hält fest, dass die verschiedenen Perspektiven einander nicht negieren, aber die Aufmerksamkeit jeweils auf unterschiedliche Dimensionen der Situation lenken.

Drei zentrale Fragen bestimmen Gilligans systematische Forschung über Probleme der moralischen Orientierung (nicht Entwicklung!) als einer Dimension moralischen Urteilens:

1) Werden bei der Diskussion eines moralischen Dilemmas Probleme der Gerechtigkeit und/oder der Fürsorge artikuliert?
2) Gibt es eine Tendenz, die Aufmerksamkeit auf nur eine Art von Problem zu lenken und die andere nur minimal zu berücksichtigen?
3) Besteht ein Zusammenhang zwischen moralischer Orientierung und Geschlecht?

Laut Gilligan liefern empirische Studien für alle drei Fragen positive Ergebnisse.
"Aufgefordert, einen selbst erlebten moralischen Konflikt zu beschreiben, formulierten 55 von 80 (69%) nordamerikanischen Heranwachsenden und Erwachsenen mit höherem Bildungsgrad sowohl Gerechtigkeits- wie Fürsorgeargumente. Zwei Drittel jedoch (54 von 80) konzentrierten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf eine der beiden Perspektiven [...] In dieser Untersuchung zeigten Männer wie Frauen [...] mit gleicher Wahrscheinlichkeit" das Phänomen der Konzentration auf eine Perspektive [...] Mit einer Ausnahme konzentrierten sich alle Männer, die überhaupt eine
Konzentration aufwiesen, auf Gerechtigkeit."

Gilligans Folgerungen:
a) Die Möglichkeit der Konzentration auf Fürsorge würde zum Verschwinden gebracht, wenn keine Frauen in Untersuchungsstichproben einbezogen würden.
b) Die Betonung der Fürsorge im moralischen Urteil der Frauen weist auf die Beschränktheit einer allein auf Gerechtigkeit ausgerichteten Moraltheorie hin.
c) Wenn der Bereich der Moral mindestens zwei Orientierungen umfasst, ist die von den ProbanInnen gezeigte Präferenz ein Indiz dafür, dass Menschen dazu neigen, die andere Orientierung aus dem Blick zu verlieren. Es ist den meisten nicht möglich, beide Orientierungen zu integrieren und die entstehende Ambiguität auszuhalten.

Mit Rückblick auf Piagets und Kohlbergs geschlechtshomogene Versuchsgruppen merkt Gilligan an, dass diejenigen, die moralische Urteile anhand der "Achtung vor Regeln" zusammenfassen oder mit der Prämisse dass "es (nur) eine Tugend gibt und ihr Name Gerechtigkeit ist" beginnen, Frauen in der Moraltheorie notwendig als problematisch sehen.

Im Folgenden legt Gilligan eine Studie von Kay Johnston dar, bei der Johnston die Beziehung zwischen moralischer Orientierung und Problemlösungsstrategien ergründen wollte. Dazu verwendete Johnston Fabeln, um die spontane moralische Orientierung und Orientierungspräferenz zu testen. Die 60 ProbandInnen zwischen 11 und 15 Jahren sollten das in der Fabel aufgeworfene moralische Problem angeben und es lösen. Anschließend wurden sie gefragt, ob man das Problem auch auf eine andere Weise lösen könne. Etwa die Hälfte der Kinder wechselte spontan die moralische Orientierung, wenn sie gefragt wurden, andere folgten einer Hilfestellung des Interviewers. Abschließend fragte man die Kinder, welche der von ihnen gefundenen Lösungen die beste sei, wozu die Mehrzahl der Kinder eine eindeutige Meinung hatte.
Johnstons Ergebnis unterstützt Gilligans These von der weiblichen Moral: Jungen präferierten spontan häufiger die Gerechtigkeitslösungen und Mädchen verwendeten spontan häufiger Fürsorgelösungen.

Aus dieser Studie folgert Gilligan, dass der Umstand, dass Kinder in der Lage sind die moralische Orientierung zu wechseln, darauf hindeutet, dass die Wahl der moralischen Orientierung Teil einer moralischen Entscheidung ist. Ob diese Wahl implizit oder explizit getroffen wird, kann Gilligan nicht näher bestimmen. Sie nimmt an, dass die Wahl mit Fragen der Selbstachtung und Selbstdefinition zusammenhängt. Sie unterstreicht mit Johnstons Studie ihre Annahme, dass die moralische Entwicklung nicht anhand einer einzigen linearen Stufenfolge abgebildet werden kann.

Die Frage wie sich eine Orientierungspräferenz herausbildet wird von Gilligan unter dem Blickwinkel von Chodorows Theorie der Objektbeziehung betrachtet:
"Die Theorie der Objektbeziehung verknüpft die Herausbildung des Selbst mit der Erfahrung von Trennung, indem sie Individuierung an Trennung koppelt und so die Erfahrung des Selbst der Verbundenheit mit anderen entgegensetzt". Chodorow verbindet die Herausbildung der Geschlechtsidentität durch das Kind (Selbstidentifikation als männlich oder weiblich) mit der Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. Er stellt die These auf, dass die mütterliche Fürsorge bei Mädchen die Fortdauer eines in Beziehung verankerten Selbstgefühls (relational sense of self), da weibliche Geschlechtsidentität mit dem Gefühl, mit der eigenen Mutter verbunden zu sein, zusammenstimmt. Bei Jungen steht die Geschlechtsidentität in einem Spannungsverhältnis zur Mutter - angeblich erfahren also Jungen zwar in der Mutter-Kind-Beziehung Anteilnahme und Fürsorge, ist aber in seiner männlichen Identität bedroht.

Für die Mädchen bedeutet ihre Bindung zur Mutter ein Hindernis auf dem Weg zur Individuierung, da die Verbundenheit mit anderen laut Chodorow die Selbstentwicklung stört. Gilligan steht dieser Haltung kritisch gegenüber und verweist darauf, dass PsychologInnen, die Moral mit Trennung und Autonomie konfundieren, Fürsorge mit Selbstaufopferung und Gefühl assoziieren anstatt anzuerkennen, dass Fürsorge eine Form des Wissens und eine kohärente moralische Position ist.

Zwei Phänomene bilden für Gilligan einen Zirkel, der die Moralphilosophie und Psychologie beherrscht:
-Die Gleichsetzung von Mann und Mensch [laut Gilligan kennzeichnend für Platonische - / Aufklärungstradition und Psychologie]
-Die Gleichsetzung von Fürsorge mit Selbstaufopferung

Dieser Nexus muss laut Gilligan neu evaluiert und die weibliche Position muss in ihn einbezogen werden. Sie schlägt vor, die Moraltheorie an zwei Beziehungsdimension auszurichten: a) Bindung als Verbundenheit, Fürsorge b) Getrenntheit als Unparteilichkeit, Gerechtigkeit. Dies würde die weibliche Stimme anerkennend in die Forschung einbeziehen und der Fürsorgeperspektive Raum schaffen. die ein ergänzendes und unverzichtbares Gegenstück zur Gerechtigkeitsperspektive darstellt.



Kritik an Gilligans Theorie



Kritik an Gilligans Theorie


  • Fehlerquelle: Cis-Sexismus, Biologismus, fehlende Klärung des Begriffes "Frau":


Carol Gilligan klärt nicht, was genau sie unter dem Begriff "Frau" versteht, den sie zur Einteilung ihrer Probandinnen verwendet. Einige von Gilligans Aussagen lassen darauf schließen, dass sie unter Frauen nur diejenigen weiblich gelesenen Personen fasst, die über eine Vagina verfügen (siehe Abtreibungsstudie). Hinsichtlich der Selbstidentifikation mit dem zugewiesenen Geschlecht macht Gilligan ebensowenig Angaben wie über Menschen, die sich außerhalb der Geschlechterbinärität verorten.

Teil ihrer systematischen Forschung zur moralischen Orientierung ist neben zwei weiteren Punkten die Frage:"Besteht ein Zusammenhang zwischen moralischer Orientierung und Geschlecht?" (Moralische Orientierung und moralische Entwicklung, Seite 88, Punkt 3). Hier spricht Gilligan in der englischen Originalausgabe von "gender", nicht von "sex" – eine wichtige Unterscheidung. Der Begriff Gender bezeichnet zum einen die soziale Geschlechterrolle (engl. gender role) beziehungsweise die sozialen Geschlechtsmerkmale. Er bezeichnet also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (zum Beispiel Kleidung, Beruf und so weiter); er verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (sex). 

An dieser Stelle besteht die Gefahr, moralisches Empfinden mit dem biologischen Geschlecht zu verknüpfen, was bedeuten würde, dass moralisches Verhalten durch Hormone oder eine andere Körpereigenheit beeinflussbar wäre. Leider gelingt es Gilligan nicht, die Begriffe sauber zu trennen: In ihrer Einführung in Die andere Stimme stellt sie zwar einerseits fest, dass die andere Stimme nicht an ein Geschlecht gebunden sei und ihre Zuschreibung zu Frauen ein rein empirischer Sachverhalt sei (S.10), jedoch führt sie noch auf derselben Seite an, dass Geschlechterunterschiede durch sozialen Status und aufgrund von biologischen Gegebenheiten entstehen.

"Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht", schrieb Simone de Beauvoir 1949 und legte damit den Grundstein für die moderne Konzeption der Geschlechter. Die feministische Geschlechterforschung hat gezeigt, wie Geschlecht als eine soziale Konstruktion etabliert wird, als ein künstliches Konglomerat von Körperbildern, Rollenvorschriften, Bedeutungen, Wertigkeiten, Rechten und Pflichten. Zum sozial konstruierten Geschlecht gehört auch dessen Naturalisierung, also die künstlich hergestellte Überzeugung dass die Geschlechter natürlich und biologischen Ursprungs sind.

Als prominenteste Vertreterin der post-modernen Geschlechtertheorie gilt wohl die amerikanische Philosophin Judith Butler. Um die soziale Produktion von Geschlecht zu erklären, hat Butler den Begriff der "Performanz" geprägt. Performanz ist die Darstellung von Geschlecht, und zwar nicht als Ausdruck eines inneren Geschlechterkerns, sondern umgekehrt, als ritualisierte Wiederholung von Verhaltensvorschriften, welche auf die Dauer die Illusion einer Geschlechtsidentität erzeugt.

Butler bestreitet die Existenz einer essentiellen, dh. von Geburt an und natürlich gegebenen Geschlechtsidentität, welche sich in den Handlungen, Gesten und Sprache der Menschen, je nach Mann oder Frau unterschiedlich, ausdrückt. Vielmehr beschreibt sie, wie als allererstes bei der Geburt des Kindes seine Geschlechtszugehörigkeit durch die logische Zuordnung zu einer der beiden Geschlechtskategorien anhand seines anatomischen Geschlechts initiiert wird: "Ist es ein Junge oder ein Mädchen?", der Blick zwischen die Beine liefert die Antwort. Im Verlaufe des Lebens wird das Gefühl der Geschlechtszugehörigigkeit durch ritualisierte Wiederholung von Konventionen erzeugt. Die fortdauernde Performanz der Geschlechtszugehörigkeit, auch "doing gender" genannt, erzeugt rückwirkend die Illusion einer natürlich gegebenen Geschlechtsidentität als Mann oder Frau.

Insofern wäre es wünschenswert, wenn Gilligan klarer Stellung beziehen, ihren Begriff von "Gender" erläutern und auf seine biologistischen Wurzeln überprüfen würde. In der Sozialisation hin zu einer Geschlechtsperformanz stecken möglicherweise wichtige Hinweise zur Erklärung der Häufigkeit der Care-Ethik bei Frauen, die sich Gilligan aus diesem Grund verschließen. Es darf angenommen werden, dass die Fürsorgemoral eine Rollenmoral ist, die an gruppen- und kulturspezifischen Normierungen geknüpft ist. Stattdessen bemüht sie, wenn auch nur für den Kontrast, Nancy Chodorows idealisierte Mutterrolle von angeborener Selbstaufgabe, die in den Zeiten von Vaterschaftsurlaub der Vergangenheit kritisch hinterfragt und dekonstruiert werden sollte.


  • Gefahrenquelle: Nicht replizierbare Ergebnisse & Interpretation statt wissenschaftlicher Aufbereitung:

Neben den von Debra Nails  und Lawrence Walker aufgezeigten Mängeln ist noch Gertrud Nunner-Winkler anzuführen, die in "Weibliche Moral" zwei ungünstige Implikationen aus Gilligans Werk extrahiert:
(Nails und Walkers Positionen sind zu finden in "Sozialwissenschaftlicher Sexismus: Carol Gilligans Fehlvermessung des Menschen" bzw. "Geschlechtsunterschiede in der Entwicklung")

1) Vorfindliche moralische Orientierung ließe sich auf eine Zweiertypologie reduzieren
2) Es gäbe einen universellen Entwicklungsmechanismus, der die Verknüpfung von  
    Geschlechtszugehörigkeit und Moralorientierung erklärt.

In einer Längsschnittstudie von Nunner-Winkler und Weinert aus dem Jahr 1998, bei der 200 Kinder unterschiedlicher Schichtherkunft zu einer Geschichte befragt wurden, in der der Protagonist ein Bedürfnis befriedigt und dazu eine Norm übertritt, ergab sich Folgendes:

  •  Schon ab 4 Jahren wissen fast alle Kinder (98%), dass es falsch ist, zu stehlen

  • Die Begründung dieses Urteils war bei beiden Geschlechtern gleich, auch die Mädchen begründeten die Verwerflichkeit des Diebstahls mit Regelgeltung – die Optionen waren Sanktion Opferorientierung, Regelgeltung und Bewertung.


In einer weiteren Studie befragte sie männliche und weibliche Jugendliche zu ihrer Einstellung zu Schwangerschaftsabbrüchen – hier konnte Gilligans These der Beziehungsethik von Frauen bestätigt werden. Allerdings drehte sich bei einer Befragung zur Wehrdienstverweigerung das Antwortschema um. Die Vermutung liegt nahe, dass nicht die Geschlechtszugehörigkeit, sondern die Betroffenheit über die Urteilsbildung entscheidet.


Weiterführende Literatur:
Butler, Judith. Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt Am Main: Suhrkamp, 2011. Print.
Nunner-Winkler, G. (1998) Zum Verständnis von Moral – Entwicklungen in der Kindheit. In: F.E. Weinert (Hrsg.), Entwicklung im Kindesalter. Weinheim: Beltz, Psychologische Verlags Union, S. 133.152.
Beauvoir, Simone De. Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau. Stuttgart: Dt. Bücherbund, 1983. Print.

Weibliche Moral: Die Kontroverse um eine geschlechtsspezifische Ethik, Nunner-Winkler



Weibliche Moral: Die Kontroverse um eine geschlechtsspezifische Ethik
"Zur Einführung: Die These von den zwei Moralen" Gertrud Nunner-Winkler (S.9-23)

Als Weiterentwicklung von Jean Piagets Theorie der Moralentwicklung (entwickelt in Jean Piaget : Das moralische Urteil beim Kinde. Zürich 1954)  hat Lawrence Kohlberg auf der Grundlage von Antworten auf hypothetische moralische Dilemmata ein Stufenmodell der Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit entworfen. Um von einer Stufe des Moralbewusstseins zur nächsten zu gelangen, muss ein Mensch in drei Bereichen Fortschritte machen:
1.    Seine soziale Perspektive muss sich erweitern, weg von einer rein egozentrischen Perspektive hin zur Realisierung der Ansprüche anderer Menschen in der Gemeinschaft.
2.    Seine moralische Selbstbestimmung muss sich verbessern, er muss moralische Normen hinterfragen und begründen lernen.
3.    Die Begründung der Regeln seines Handelns muss sich verbessern. Eine reine egozentrische Lust/Unlust-Begründung wird schrittweise abstrakter hin zu einem postkonventionellen Normbegründungskonzept.

Folgende Stufen unterscheidet Kohlberg:

Ebene 1
präkonventionelle Ebene
a) Straf- und Gehorsamsorientierung:
[Stufe 1]

Orientierung an wahrgenommenen Machtpotentialen; Vermeidung von Strafe
b) instrumentell-relativistische Orientierung:
[Stufe 2]

Reziprozität von Handlungen wird erlernt; gelegentlich werden fremde Bedürfnisse befriedigt, wenn dies Nutzen verspricht (Kooperation)
Ebene 2
konventionelle Ebene
a) interpersonale Konkordanzorientierung:
[Stufe 3]

moralische Erwartungen Anderer werden erkannt; den Erwartungen der Bezugspersonen will entsprochen werden; bei Ungenügen treten Schuldgefühle auf
b) Orientierung an Gesetz & Ordnung:
[Stufe 4]


Bedeutung moralischer Normen für das Funktionieren der Gesellschaft wird erkannt. Moralische Regeln werden   befolgt, da sie für das Aufrechterhalten der sozialen Ordnung erforderlich sind (law and order).
Ebene 3
Übergangsebene
In der Übergangszeit zum Erwachsenwerden befinden sich Jugendliche typischerweise in einer Übergangsphase. Um sich vom konventionellen Niveau des Moralbewusstseins zu lösen, ist es wichtig, moralische Normen zu hinterfragen; in der Übergangsphase gelingt es dem Menschen noch nicht, die Begründung von Normen auf ein neues, intersubjektives Fundament zu stellen.
Ebene 4
Postkonventionelle Ebene
a) legalistische Orientierung am Sozialvertrag:
[Stufe 5]

Moralische Normen werden jetzt hinterfragt und nur noch als verbindlich angesehen, wenn sie gut begründet sind. In der fünften Stufe orientiert sich der Mensch an der Idee eines Gesellschaftsvertrags. Aus Gedanken der Gerechtigkeit oder der Nützlichkeit für alle werden bestimmte Normen akzeptiert.
b) Orientierung am universalen ethischen Prinzip:
[Stufe 6]

(Von weniger als 5 % der Menschen erreicht.) Die Moralbegründung orientiert sich jetzt am Prinzip der zwischenmenschlichen Achtung, dem Vernunftstandpunkt der Moral. Das richtige Handeln wird mit selbstgewählten ethischen Prinzipien, die sich auf Universalität und Widerspruchslosigkeit berufen, in Einklang gebracht

Es ist zu beachten, dass sich das Moralverständnis von Stufe zu Stufe verfeinert und dass keine der Stufen übersprungen werden kann. Höhere Stufen sollen zu angemesseneren Lösungen von moralischen Konflikten führen, indem 1. die Zahl der im Urteil berücksichtigten potentiell Betroffenen erweitert wird (größere Unparteilichkeit) und sich 2. der inhaltliche Fokus eines Urteils  verschiebt. Hierbei werden auf der präkonventionellen Ebene die Handlungsfolgen (Strafe/Belohnung) anvisiert, auf Stufe 3 die Intentionen, auf Stufe 4 die faktische Geltung herrschender Normen und erst auf der der postkonventionellen Ebene werden wirklich ausgewogene moralische Urteile möglich. "[R]echtfertigbare [werden] von illegitimen Aussagen angemessen unterschieden, Intentionen bei der Straf- und Schuldzuweisung angemessen berücksichtigt und Legalität und Legitimität klar unterschieden." (S.11)

Carol Gilligan bemerkte, dass bei der Einteilung der Antworten der ProbandInnen in das Stufenmodell die Aussagen von Frauen häufiger der Stufe 3 (interpersonale Konkordanzorientierung; zentrierte persönliche Anteilnahme in zwischenmenschlichen Beziehungen) zugeordnet wurden, während Männer eher Stufe 4 (Orientierung an Gesetz & Ordnung; Pflichterfüllung in Institutionen und abstrakten Gemeinschaften) erreichten.
Gilligan versuchte zu zeigen, dass es sich nicht um eine einfache "moralische Unterentwicklung" der Frau handelte, sondern dass zwischen den männlichen und weiblichen Antworten Unterschiede in der Akzentuierung moralischer Orientierung bestehen. Während die Aussagen beider Geschlechter durchschnittlich auf der konventionellen Ebene angesiedelt waren, schien die von den Frauen präferierte interpersonale Konkordanzorientierung der Orientierung an Gesetz & Ordnung nachgestellt und unterlegen zu sein.

Auf diese Feststellung folgten zwei Reaktionen:
1. Die Differenzen wurden durch den Anwendungsbereich/die spezifische Konfliktsituation erklärt.
2. Die Differenzen wurden durch gruppenspezifische Unterschiede in der Zugangsweise zu moralischen Konflikten erklärt.

Den ersten Weg schlug Norma Haan (1977, 1978) mit ihrer Unterscheidung von zwei bereichsspezifischen Moralen ein: Die interpersonelle Moral (face-to-face) konzentriere sich auf die Lösung zwischenmenschlicher Konflikte im Nahbereich, während die öffentliche Moral Interessenskonflikte um konsensfähige Regelungen in sozialen Organisationen abdeckt. Für beide Moralbereiche entwickelte Haan ein eigenes Stufenmodell und betonte deren komplementäre Koexistenz. So seien sie gleichermaßen notwendig, um erfolgreich in sozialen Interaktionen zu navigieren  und je nach Kontext des moralischen Konfliktes sei einer der beiden Bereiche angemessener. Da das Expertentum in beiden Bereichen durch Erfahrung erworben wird, kann es zu soziokulturell bedingten Unterschieden zwischen der Expertise der Geschlechter in den beiden Bereichen kommen, was jedoch den Erwerb des Verständnisses für die weniger erprobten Konfliktlösungsmodi nicht ausschließt.

Carol Gilligan schlug den zweiten Weg ein, indem sie zwei moralische Orientierungen aufstellte, die sie männlich, respektive weiblich, besetzte und sie formal sowie inhaltlich unterschied:


Fürsorglichkeitsmoral ♀
Care- Ethik
Gerechtigkeitsmoral ♂
 Fairness- Ethik
Inhalt
Verantwortlichkeit und Fürsorge für andere; Leid für andere vermeiden/lindern
Wahrung von Rechten, Pflichterfüllung
Formal
kontextsensitiv, flexibel (moralische Regeln gelten nur prima facie)
rigide, abstrakt, universell (Ausnahmen von negativen Pflichten gibt es nicht)

Gilligans Konstruktion einer geschlechtsspezifischen moralischen Orientierung hat zwei Implikationen:
1.) Die moralische Orientierung lässt sich auf einen Dualismus "Flexibilität(+Fürsorge)-Rigidität(+Gerechtigkeit)" reduzieren.
2.) Es gibt einen universalen Entwicklungsmechanismus, der die Verknüpfung von Geschlechtszugehörigkeit und Moral erklärt.

Zur ersten Implikation wendet Nunner-Winkler ein, dass beispielsweise beim Utilitarismus Moral und Pflichterfüllung gar nicht korrelieren, sondern dort die Minimierung der Gesamtsumme von Leid im Vordergrund steht. Somit wären im Utilitarismus "Ausnahmen" von negativen Pflichten jederzeit möglich. Hinsichtlich positiver Pflichten merkt Nunner-Winkler an, dass deren Übertretung zwar moralisch unwert sei, aber keine Verschuldung darstelle. Die moderne Position einer Minimalmoral rechne die allgemeinen positiven Pflichten dem Feld der Supererogation zu.

Zur zweiten, biologistischen Implikation Gilligans wendet Nunner-Winkler ein, dass aufgrund dieser Annahme das Feld der möglichen Erklärungen für die moralische Entwicklung drastisch schrumpft, da man auf geschlechtsspezifische Abweichungen rekurrieren müsse (z.B. Hormone/Hirnaufbau). Tatsächlich findet bei Gilligan eine soziale Ursache Erwähnung; Frauen fungierten als erste Bezugsperson für Neugeborene und dies befördere den Ausbau eines beziehungsorientierten Selbst.

Nunner-Winkler merkt an, dass nur kontingent (d.h. historisch oder kulturspezifisch) an das Geschlecht gebundene Faktoren wie Teilhabe an gesellschaftlichen System wie Bildungs- und Berufswelt mit Gilligans These als Ursprung von Unterschieden unvereinbar sind. Weiterhin gelte es auch noch die durch individuelle biografische Erfahrungen angestoßenen autonomen Lernprozesse sowie geschlechtsunabhängige Einflussfaktoren auf die moralische Entwicklung zu berücksichtigen. So sei es denkbar, dass Menschen in konkurrenzorientierten, individualisierten Milieus eher auf Fairness bedacht wären.